BlueNews Artikel 06.03.2026

Unterricht für Frauen in Afghanistan - «Dass die Mädchen dort nicht zur Schule gehen dürfen, und ich schon, war schwer zu ertragen»

Wildblumen lassen sich selbst von Widrigkeiten nicht aufhalten. Sie schlagen Wurzeln im trockenen Boden und bahnen sich ihren Weg durch die Risse des harten Betons. «Sie repräsentieren die Frauen in Afghanistan», sagt Mahbube Ibrahimi. «Sie wachsen auch in schweren Zeiten und geben nie auf.»

Ibrahimi kommt selbst aus Afghanistan. Als sie noch ein Baby ist, fliehen ihre Eltern in den Iran, wo sie den grössten Teil ihrer Kindheit verbringt. Später setzen sie die Flucht fort, mit Aufhenthalt in der Türkei und Griechenland. Von dort zieht Ibrahimi allein weiter nach Paris und gelangt 2021 schliesslich in die Schweiz. Da ist sie 17.

Etwa zur selben Zeit übernehmen die Taliban die Macht in Afghanistan. Frauenrechte sind seither massiv eingeschränkt. Unter anderem dürfen Mädchen nur noch bis zur siebten Klasse zur Schule gehen.

Im Gymi sucht Ibrahimi nach sinnvoller Arbeit. Da sie keine passende Option findet, entscheidet sie sich mit 19 Jahren, selbst aktiv zu werden, und gründet im Herbst 2023 «Wild Flower». Eine Organisation, die Frauen in Afghanistan heimlich Schulunterricht gibt. «Der Gedanke, dass die Mädchen dort wegen ihres Geschlechts nicht zur Schule gehen dürfen, während ich es darf, war für mich wirklich schwer zu ertragen», erzählt Ibrahimi.

Zu viele Schülerinnen, zu wenige Lehrpersonen

Die heute 21-Jährige sitzt an einem Tisch in einem Café in Zürich. Umgeben von Pflanzen und Stickern mit politischen Botschaften. Ihr gegenüber sitzt Marissa Sustic. Die 23-Jährige stiess kurz nach der Gründung zu «Wild Flower». Zuerst unterrichtete sie selbst, heute ist sie Vorstandsmitglied.

Mittlerweile zählt die Organisation rund 250 Schülerinnen, sie sind zwischen 14 und 34 Jahre alt. Etwa 120 Freiwillige engagieren sich als Lehrpersonen, jeweils ein bis zwei Stunden pro Woche.

Einige Frauen und Mädchen, die am Online-Unterricht teilnehmen, wollen später ins Ausland und dort studieren. «Aber wir haben auch viele, die einfach daran interessiert sind, sich weiterzubilden», erklärt Sustic. «Viele wollen Afghanistan nämlich gar nicht verlassen, weil sie Kinder oder Eltern dort haben», ergänzt sie.

Werbung für ihre Online-Schule machen sie nicht. «Ganz bewusst», sagt Sustic. «Wir wollen nicht zu viel Aufmerksamkeit auf uns ziehen, aus Schutz für die Frauen und Mädchen.» Neue Teilnehmerinnen finden den Weg zu ihnen über Mundpropaganda oder durch die sozialen Medien. Doch Werbung wäre ohnehin überflüssig, denn die Nachfrage ist gross. So gross, dass inzwischen eine Warteliste geführt wird, die täglich länger wird. Deshalb sucht die Organisation dringend nach weiteren ehrenamtlichen Lehrkräften.

Wer dabei sein möchte, muss Interesse zeigen

Wer am Unterricht teilnehmen möchte, wird zunächst interviewt. «So sehen wir, ob echtes Interesse besteht», erklärt Ibrahimi. Manchmal komme es nämlich vor, dass einige nur wegen des kostenlosen Internets mitmachen wollen, erzählt sie weiter. Denn mit dem Geld, das der Organisation gespendet wird, kaufen sie den Frauen und Mädchen Datenvolumen ein, damit sie am Unterricht teilnehmen können. «Aber zu 95 Prozent meinen es die Frauen ehrlich, sie wollen wirklich lernen und sich weiterbilden.»

«Manche halten das Projekt für absolut sinnlos und glauben nicht an Veränderung, andere unterstützen es leidenschaftlich»: Mahbube Ibrahimi, Gründerin «Wild Flower»

Ein weiteres Aufnahmekriterium betrifft das Alter: Frauen über 35 werden inzwischen nicht mehr in das Programm aufgenommen. Dafür gibt es verschiedene Gründe. «Viele von ihnen können seltener am Unterricht teilnehmen, weil sie Kinder haben oder sich um den Haushalt kümmern müssen», sagt Ibrahimi.

«Das ist unser wichtigstes Kriterium: Sie müssen regelmässig dabei sein. Wir haben so viele Anfragen, wer also nicht mitmacht oder die Hausaufgaben nicht erledigt, muss Platz für jemand anderen machen», führt Sustic aus. Hinzu kommt, dass viele Frauen über 35 kaum schreiben können. «Die Jüngeren haben die Grundkenntnisse», sagt Ibrahimi.

Vor allem Sprachen werden unterrichtet

Unterrichtet werden vor allem Englisch und Deutsch. «Das nützt ihnen später am meisten», so Ibrahimi. Doch auch Fächer wie Politik, Informatik und Geschichte werden angeboten, jeweils als Workshops. So wird der Unterricht bezeichnet, der von Lehrpersonen durchgeführt wird, die nur für einen begrenzten Zeitraum zur Verfügung stehen.

Da die Schülerinnen ein unterschiedliches Englischniveau haben, werden die Workshops nur den Frauen und Mädchen in den höheren Levels angeboten. «Um sie herauszufordern», erklärt Sustic. «Und damit es nicht nur um Sprache geht. Das kann mit der Zeit etwas langweilig werden», erzählt sie weiter.

Ansonsten werden die Lektionen jeweils den Wünschen der Schülerinnen angepasst. «Einige Schülerinnen sagen, ihr Ziel sei es, zum Beispiel das Cambridge-Zertifikat oder den TOEFL-Test abzulegen», erklärt Ibrahimi. Das sind international anerkannte Englischprüfungen.

«Sie werden dann den Lehrpersonen zugeteilt, die sehr streng sind und fleissig Hausaufgaben verteilen», erklärt sie weiter. Sie verfassen Essays, legen den Fokus auf Grammatik und führen Debatten. «Dinge, die wir beispielsweise im Französischunterricht in der Sekundarschule gemacht hätten», so Sustic.

«Coaching», nicht «Unterricht»

Ibrahimi und ihre Organisation stossen jedoch nicht überall auf Zustimmung. In der afghanischen Community gibt es geteilte Meinungen: «Manche halten das Projekt für absolut sinnlos und glauben nicht an Veränderung, andere unterstützen es leidenschaftlich», erzählt Ibrahimi. 

Auch auf die Sicherheit der Frauen und Mädchen muss geachtet werden. So sprechen sie bewusst nicht von «Unterricht», sondern von einem «Coaching». Letzteres ist mit weniger Angst verbunden und wirkt harmloser. Jede Lektion ist zudem strikt auf vier Schülerinnen und eine Lehrperson beschränkt. «Einerseits für eine bessere Qualität, andererseits ist es eine Sicherheitsgarantie, denn eine kleine Gruppe zählt als privates Telefonat», erklärt Ibrahimi.

Wer sich mindestens einmal pro Woche trifft, baut mit der Zeit eine echte Beziehung zu den Frauen und Mädchen auf. «Ich habe fast so etwas wie eine Freundschaft zu ihnen entwickelt», sagt Sustic über ihre Schülerinnen. «Wir haben über viele persönliche Dinge gesprochen. Die Gespräche ergaben sich ganz von selbst. Ich habe sie zum Beispiel gefragt: Was macht ihr morgen? Auch, um das Future zu üben.»

Durch diese Gespräche erfährt Sustic viel über den Alltag ihrer Schülerinnen. «So habe ich etwa mitbekommen, dass eine von ihnen, die oft Probleme mit dem Internet hatte, nur im Garten Empfang hat. Bei einem Sturm konnte sie deshalb nicht am Coaching teilnehmen», erzählt sie. «Das sind keine grossen Informationen, aber sie geben dir einen Eindruck von ihrem Leben.»

Viele geplatzte Träume

Besonders eine Geschichte ist Sustic geblieben. Eine ihrer Schülerinnen trainierte seit ihrer Kindheit Uechi-Ryū, ein traditioneller Karate-Stil aus Okinawa, Japan. Doch seit der Machtübernahme der Taliban darf sie die Sportart nicht mehr ausüben. «Ihr Traum wurde ihr weggenommen», sagt Sustic. «Solche Geschichten gibt es viele.»

Ibrahimi erzählt die Geschichte einer 21-jährigen Frau, die durch «Wild Flower» Englisch lernte. «Ihr Mann unterstützte sie so sehr dabei», erzählt sie. «Jetzt unterrichtet sie selbst heimlich in ihrem Wohnzimmer, drei Stunden am Tag», so Ibrahimi.

«Es gibt Hoffnung, dass es irgendwann besser wird. Aber gleichzeitig müssen die Frauen in Afghanistan in dieser Realität leben und sie zu einem gewissen Punkt auch akzeptieren, damit sie überleben können»: Marissa Sustic, Vorstandsmitglied «Wild Flower»

Die beiden holen ihre Handys hervor und scrollen durch Bilder von den Mädchen und Frauen, die sie ihnen geschickt haben. Auf einem ist ein kleines Kind in traditioneller Kampfsportkleidung zu sehen – jenes, von dem Sustic eben sprach. Ibrahimi zeigt ein weiteres Foto: Ein Wohnzimmer, gefüllt mit afghanischen Frauen, die heimlich unterrichtet werden.

Die Geschichten, die Ibrahimi und Sustic erzählen, gehen unter die Haut und machen eindrücklich deutlich, welche Schicksale dahinterstehen. «Weisst du, es sind Frauen mit einem Bachelor», sagt Sustic. «Eine meiner Schülerinnen hatte Psychologie studiert, wollte den Master machen, konnte dann aber nicht. Ihr Traumberuf blieb unerreichbar. Das bricht einem das Herz. Sie wurde aus ihrem Leben gerissen und wartet jetzt einfach.»

Abgeschaltetes Internet löste Angst aus

Viele Frauen und Mädchen warten darauf, dass sich die Situation in Afghanistan verbessert. Viel anderes bleibt ihnen nicht. «Sie haben Hoffnung, aber nicht zu viel. Zu grosse Hoffnung würde nur in Enttäuschung enden», sagt Sustic. Als die Taliban im September 2025 das Internet abschalteten, löste das unter den Schülerinnen grosse Angst aus. Der Unterricht findet erstmals nicht statt.

«Ich glaube, es gibt Hoffnung, dass es irgendwann besser wird. Aber gleichzeitig müssen sie mit dieser Realität leben und sie bis zu einem gewissen Punkt akzeptieren, um zu überleben», so Sustic weiter. Das sinnvolle Projekt «Wild Flower» bleibt nicht unerkannt. Mittlerweile haben sie mehrere Preise gewonnen. «Wir haben gehofft, dass unsere Arbeit gesehen und unterstützt wird», sagt Ibrahimi.  «Für mich ist es so: Oh mein Gott, die Gesellschaft unterstützt das. Wenn es nicht so wäre, dann wäre die Motivation sicher etwas tiefer». Sustic fügt hinzu: «Es ist halt Anerkennung. Wir bekommen keinen Lohn für unsere Arbeit.»

Ibrahimi hat auch neben der freiwilligen Arbeit bei «Wild Flower» grosse Ziele: «Ich mache gerade das Gymi fertig und bin in der Numerus-Clausus-Vorbereitung. Ich will Ärztin werden», erzählt sie. Mittlerweile lebt auch ihre Familie in der Schweiz. Sustic will ihr Psychologie-Studium beenden und reisen gehen.

«Bis dahin sind wir da»

Künftig will sich «Wild Flower» verstärkt auf die Rekrutierung neuer Lehrpersonen konzentrieren. «Zudem möchten wir die Qualität unserer Coachings weiterentwickeln und prüfen, welche Möglichkeiten wir unseren Schülerinnen eröffnen können. Etwa, indem wir sie an andere Vereine vermitteln, wo sie zusätzliche Weiterbildungen absolvieren können», erklärt Ibrahimi.

Solange Frauen und Mädchen in Afghanistan unter diesen Umständen leben müssen, kommt Aufhören für die beiden nicht infrage. «Ich glaube, den Tag, an dem wir das Programm nicht mehr aufrechterhalten müssen, werden wir feiern. Das wäre die grösste Erlösung für uns. Aber bis dahin sind wir da», sagt Sustic zum Schluss.

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